Artenvielfalt im Großstadtdschungel
Möwenkolonien und Blütenpracht im Hamburger Hafen, Füchse und Uhus auf Friedhöfen, brütende Seevögel in Einkaufszentren und auf Baustellen, Kraniche und Adler, Hirsche und Wildschweine, Fledermäuse und Orchideen die "wilden Hamburger" leben mitten unter uns.
In keiner anderen deutschen Großstadt gibt es so viele Tier- und Pflanzenarten wie in Hamburg. Allein 160 Brutvogel- und fast 50 Säugetierarten gehören zum natürlichen Inventar, und mit mehr als 1300 wild wachsenden Pflanzenarten zählt die Hansestadt sogar zu den acht bedeutendsten "hot spots" der floristischen Artenvielfalt in Deutschland.
Mehrere Gründe sind für diesen erstaunlichen Artenreichtum verantwortlich: Mit gut 1,7 Millionen Einwohnern ist Hamburg zwar die zweitgrößte Stadt Deutschlands, gehört aufgrund der bedeutenden Fläche des Stadtstaates von 747 Quadratkilometern jedoch zu den am dünnsten besiedelten Metropolen der Welt. Insbesondere in den Randbezirken gibt es noch viele naturnahe Bereiche, die über ein System so genannter Grünachsen eng mit der dicht bebauten Kernstadt vernetzt sind. Hamburgs natürliche Landschaftsgestalt ist wesentlich durch das Wirken eiszeitlicher Gletscher bestimmt, die hier stärker als sonst in Norddeutschland eine Landschaft der Kontraste schufen: Die Schmelzwässer der abtauenden Eismassen, die während der letzten Vereisung am Nordostrand des heutigen Hamburger Stadtgebietes zum Stehen kamen, schnitten sich tief in die eiszeitlichen Sand- und Gesteinsablagerungen, die so genannten Moränen, ein und formten so das Urstromtal der Elbe. Das Zusammentreffen von Elbstrom, Marsch und Geest bedingt eine Vielfalt unterschiedlicher natürlicher Lebensräume. So finden wir in Hamburg Wiesen, Moore und Heiden, naturnahe Laubwälder, Au- und Bruchwälder, Fließgewässer wie die Alster und ihre Nebenbäche, auch Sanddünen und Flusswatten. Sie werden zu einem großen Teil bewahrt in 28 Naturschutzgebieten, die ohne Berücksichtigung des vor der Elbmündung gelegenen Nationalparks "Hamburgisches Wattenmeer" acht Prozent der Landesfläche ausmachen und teilweise als Europäisches Naturerbe ausgewiesen sind.
Stadt und Natur das ist keineswegs ein Widerspruch. Im Gegenteil: Hamburg beherbergt deutlich mehr Arten als vergleichbar große Areale ländlich geprägter Räume in Norddeutschland. Denn während dort immer mehr Tiere und Pflanzen durch intensive land- und forstwirtschaftliche Nutzung aus der flurbereinigten Kulturlandschaft verdrängt werden, bietet die Stadt mit ihrem Nebeneinander von Baumbeständen, Parkteichen, Gartenhecken, Grünflächen, Industriebrachen, Blumenrabatten, Türmen und Hausfassaden neue, unterschiedlichste Lebensräume.
Die typische Stadtfauna setzt sich aus Besiedlern verschiedener Ausgangsbiotope zusammen. Fels- und Höhlenbewohner leben in der City, Heckenvögel und Ackerwildkräuter in Gärten, Steppenpflanzen auf Industriebrachen und Bewohner von Wäldern, Wiesen und Feuchtgebieten in Parkanlagen und auf Friedhöfen. Dazu gesellen sich Arten, die von den speziellen Bedingungen in der Stadt besonders profitieren. Beispielsweise bietet das gegenüber dem Umland deutlich wärmere und trockenere Kleinklima der dicht bebauten und versiegelten inneren Stadt auch solchen Organismen Überlebensmöglichkeiten, die normalerweise in wärmeren Gegenden leben und durch den weltweiten Handel eingeschleppt wurden. Dazu gehören die Hausratte und die Gelbfüßige Bodentermite, die sich in Hamburg unterirdisch entlang der Fernheizungsrohre ausbreitet. Andere fremdländische Arten wurden in Hamburg angesiedelt, beispielsweise die aus Nordamerika stammende Kanadagans, oder entkamen aus Gefangenschaft wie die ostasiatische Mandarinente. Auch die in städtischen Gärten und Parks gepflanzten exotischen Bäume, Sträucher und Stauden tragen zur Artenvielfalt bei.
Diese Tiere und Pflanzen, die in der freien Natur kaum jemals zusammentreffen, leben nicht einfach nebeneinander, sondern bilden neue Lebensgemeinschaften. Auf einem begrünten Hinterhof oder auf einer städtischen Brache können ebenso vielfältige ökologische Beziehungen zwischen den dort lebenden Arten entstehen wie auf einer Wiese oder im Wald. Ökosysteme in der Stadt sind nicht weniger komplex als solche in natürlichen Habitaten. Nicht umsonst hat sich die Stadtökologie zu einem eigenen Wissenschaftsfeld entwickelt.
Beeindruckend sind die erstaunliche Plastizität des Verhaltens und die hohe Lernfähigkeit insbesondere vieler Säugetiere und Vögel. Beides zusammen ermöglicht, dass innerhalb kürzester Zeit sogar Gebiete besiedelt werden, die uns nahezu lebensfeindlich erscheinen. Grundsätzlich im Vorteil sind anpassungsfähige, wenig spezialisierte Arten, so genannte Generalisten, die in der Lage sind, flexibel auf neue Gegebenheiten oder sich rasch ändernde Situationen zu reagieren und jede sich bietende Futterquelle konsequent zu nutzen. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Steinmarder: Er findet Unterschlupf auf Dachböden, nutzt Motorräume von Autos als Nahrungsdepot und ernährt sich von allem, was die Stadt bietet von der Ratte bis zum weggeworfenen Pausenbrot. Haben die Tiere erst einmal gelernt, mit der Nähe des Menschen umzugehen, kann das städtische Umfeld mit seiner Vielzahl von Unterschlupf- und Brutmöglichkeiten und seinem üppigen Nahrungsangebot solchen Generalisten bessere Lebensmöglichkeiten bieten als der ursprüngliche natürliche Lebensraum. Manche Arten wie Amseln und Meisen kommen in der Stadt inzwischen in höherer Dichte vor als im Wald.
Ebenfalls im Vorteil sind Pioniere mit hoher Vermehrungsrate und einem ausgeprägten Ausbreitungsvermögen, das es ihnen ermöglicht, neu entstandene Lebensräume rasch zu besiedeln. Denn typisch für die Stadt ist eine hohe Dynamik: Regelmäßig schafft der Mensch durch Bau- und Entwicklungsmaßnahmen räumlich und zeitlich verteilt neue Biotope und zerstört andere. Aus einem Feuchtwiesengelände in der Elbmarsch kann schnell ein Industriegebiet auf einer aufgespülten Sandschicht entstehen oder eine Wohnsiedlung mit Gärten. Die Artenzusammensetzung ist immer eine andere, das heißt, so dynamisch wie die Veränderung der Lebensräume ist auch die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften. Gerade diese Dynamik, die viele natürliche Ökosysteme vor allem im Urstromtal der Elbe auszeichnete, ist in der heutigen Kulturlandschaft sonst kaum mehr gegeben. Auch nicht in Naturschutzgebieten, wo häufig versucht wird, einen bestimmten, als besonders wertvoll erachteten Zustand durch aufwendige Pflegemaßnahmen zu konservieren und bestimmte schutzbedürftige Arten zu erhalten. In der Stadt dagegen schaffen Spülfelder, Baustellen und Neubaugebiete stets neue Habitate für Pionierarten, die mit zunehmender Entwicklung, einer natürlichen oder gelenkten Sukzession, anderen Lebensgemeinschaften Platz machen. Wenn zum Beispiel in neu angelegten Gärten im Laufe der Jahre Büsche und Bäume aufwachsen, so verändert sich entsprechend auch die Zusammensetzung der Tier- und Pflanzenwelt. In enger räumlicher Nachbarschaft finden sich verschiedene Lebensräume in jeweils unterschiedlichen Entwicklungsstufen, was eine hohe Artenzahl zur Folge hat. Hinsichtlich dieser enormen Dynamik und Diversität erscheint die Stadt, so überraschend es klingen mag, natürlicher als so manches mit hohem Aufwand gepflegte Naturschutzgebiet.
Allerdings muss eine solche Aussage differenziert betrachtet werden. In Hamburg haben sich aus unterschiedlichen Gründen Relikte ursprünglicher Natur und naturnahe Kulturlandschaften wie Flusswatten, Auwälder, Moore und Heiden oder artenreiche Feuchtwiesen erhalten. Sie beherbergen eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten, die aufgrund ihrer oft sehr speziellen Standortansprüche auf diese Biotope angewiesen sind und die nicht über die ökologische Plastizität typischer Stadtbesiedler verfügen. Gerade die Bewohner langfristig konstanter Lebensräume, etwa die Vegetation der Moore oder die Insektenfauna alter Wälder, haben diese Plastizität nie entwickeln müssen. Viele von ihnen weisen eine vergleichsweise niedrige Vermehrungsrate und eine sehr begrenzte Ausbreitungskapazität. Ihre Strategie ist das dauerhafte Überleben in ihrem speziellen Lebensraum und nicht die schnelle Eroberung neuer Habitate, wie sie für die Pioniere typisch ist. Solche Standortspezialisten können sich daher an die häufig wechselnden Bedingungen des Stadtlebens nicht anpassen, sie sind in jedem Falle die Verlierer der stadttypischen Dynamik. Wenn beispielsweise ein Neubaugebiet im Moor errichtet wird, mag die Anzahl der Arten hinterher vielleicht höher sein, doch die moortypische Flora und Fauna wird verschwinden und in keinem Garten, keinem städtischen Park oder Friedhof einen Ersatzlebensraum finden. Aus Naturschutzsicht ist also eine hohe Artenzahl allein nicht das entscheidende Kriterium, wenn etwa Wachtelkönig, Wollgras und Fieberklee am Ende ersetzt werden durch ein paar Dutzend Generalisten wie Amsel, Löwenzahn und Gänseblümchen, die in jedem Garten vorkommen. Aus diesem Grund werden in Hamburg immer wieder Auseinandersetzungen um den Schutz solcher Reliktstandorte geführt, die von Bauvorhaben oder Verkehrstrassen gefährdet werden.
Von der zunehmenden Verstädterung der Natur profitieren auch wir Menschen. Empirische Studien zeigen, dass ein natürliches Umfeld sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden auswirkt. Der einzigartige Naturreichtum Hamburgs, der spannende und unvermutete Begegnungen mit den "wilden Hamburgern" ermöglicht, liefert daher auch einen entscheidenden Beitrag zur Lebensqualität.
Einleitendes Kapitel aus dem Buch "Wilde Hamburger" von Uwe Westphal und Günther Helm